„Der Fußball als Volkssport entwickelt sich weg vom Volk“

19.05.2015

Die Spirale nach oben bei Spielergehältern und Ablösesummen im Fußball ist nicht aufzuhalten, darin waren sich die Teilnehmer einer Diskussionsrunde in Königswinter einig. Verhältnisse wie in England erwarten die Fachleute aber nicht und halten sie auch für gefährlich. Die Sponsorenvereinigung S20 hatte eine hochkarätige Runde zum Thema „Die Geldmaschine Profifußball – ein Goldesel für Vereine und Spieler!“ eingeladen.

Die Premier League hat einen neuen milliardenschweren TV-Vertrag abgeschlossen, der in drei Jahren rund sieben Mrd. Euro auf die Clubs der Liga ausschüttet (im Vergleich: In Deutschland wird die Bundesliga für die Saison 2016/2017 rund 835 Mio. Euro erzielen). Mehr Geld also für die Vereine – und die Spieler, wie Moderator Jochen Breyer bilanzierte. Vereine, Verbände und Fans erwarten, dass auch in Deutschland die Gehälter der Spitzenspieler weiter steigen werden – weil mehr Geld zu verteilen ist und der Wettbewerb sich hochschaukelt. „Es wird finanziell weiter nach oben gehen, neue Märkte im Ausland werden erschlossen und damit werden auch die Rechte teurer“, erwartet DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock. „Gerade die Globalisierung trägt zu weiterer lukrativer Vermarktung bei, ein Wandel, den andere Länder schon hinter sich haben“, ergänzte Sport Bild-Chefredakteur Alfred Draxler. Er wandte sich auch direkt an die Sportsponsoren, denn solange die bereit seien, immer mehr Geld zu bezahlen, sei die Entwicklung nicht aufzuhalten. Hinzu komme das Pay TV, das im Kampf um die Rechte die Preise hochtreibe.

Verhältnisse wie in England erwarten die Diskutanten dennoch nicht, weder bei den Preisen für TV-Rechte noch bei den Gehältern und dem Ausverkauf an Investoren. „Es wird keine Revolution bei der nächsten Rechteperiode geben“, glaubt Draxler. Sorgen machen sich viele vor allem um die Fans. Tony Woodcock, früherer englischer National- und FC Köln-Spieler, sieht die Entwicklung in seiner Heimat kritisch: „Es ist so teuer, ins Stadion zu gehen, dass sich Familien das nicht mehr leisten können. Und den jungen Spielern und ihren Beratern geht es nur noch ums Geld, sie träumen vom großen Geld, nicht vom Siegtor in Wembley.“ Genau da setzt auch Thomas „Tower“ Weinmann an, Fanbeauftragter von Borussia Mönchengladbach. „Der Fußball ist ein Volkssport und entwickelt sich weg vom Volk.“ Die steigende Geldspirale sei gefährlich. Es müssten zum Beispiel bezahlbare Stehplätze erhalten bleiben, „sonst sperren wir die Leute aus“. Der Fan im Stadion sei der Kern der Sportart, ihrer Atmosphäre und Attraktivität, ergänzte Prof. Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit. Er wundert sich, dass es im Sport keine Neiddebatte gibt. „Wenn Managergehälter zu hoch werden, schreien die Menschen auf, im Fußball nicht.“ Im Gegenteil, so Sandrock: Die Zuneigung zu Spielern und Trainern wachse.

Dabei machten die hohen Gehälter und Summen, die mittlerweile eine Rolle spielen, den Wettbewerb kaputt, sagte Klaus Zimmermann. Wenige Vereine bestimmen die Ligen über Jahre hinweg. In den USA gebe es etwa im Football Vorgaben für die Gesamtsummen an Gehältern, die ein Verein zahlen dürfte, „und wir müssten auch feste Kontingente für den Einsatz von Topspielern einführen“, meinte er. Helmut Sandrock hofft, dass sich der Wettbewerb in Deutschland reguliert, rechnet aber auch nur mit vier bis fünf Vereinen, die oben mitspielen können. „Vereine, die nicht so viel Geld haben, müssen ihre jungen Spieler besser machen, also auf Ausbildung setzen“, so Woodcock, heute ein gefragter Redner.

Wenn es um sportliche Erfolge geht, kann England allerdings nicht mithalten, und auch das hat nach Ansicht der Diskutanten mit dem vielen Geld zu tun. Denn in England spielen in der Premier League 70% ausländische Spieler, die jungen Nachwuchskräfte bleiben auf der Strecke. „Der deutsche Weg mit den Ausbildungszentren und der Nachwuchsförderung ist sehr gut“, waren sich alle einig.

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